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"Kinderrechte ins Grundgesetz war meine Initialzündung"

Am 17. November 2015 trafen sich die Mitglieder der National Coalition zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in Berlin und wählten als neue Sprecherin der National Coalition Deutschland Luise Pfütze.

Luise Pfütze, Sprecherin

Kirsten Schweder:

Luise Pfütze, zunächst erst noch einmal unsere ganz herzlichen Glückwünsche zur Wahl als Sprecherin der National Coalition. Wir freuen uns, dass wir pünktlich zum 26. Jahrestag der UN-Kinderrechtskonvention unsere frischgewählte Sprecherin vorstellen konnten. Ein erster „Amtsakt“ war ja bereits das anlässlich des Jahrestags gemeinsam mit Prof. Dr. Jörg Maywald herausgegebene Statement zum Thema: “Keine Willkommenskultur ohne Familienzusammenführung“. Die National Coalition setzt sich seit Jahren beharrlich für die Verwirklichung der Kinderrechte ein und fordert in diesem Zusammenhang auch ihre Bekanntmachung. Wann sind Ihnen die Kinderrechte das erste Mal begegnet? Warum hat Sie das Thema begeistert?

Luise Pfütze:

 

 

Kinderrechte haben mich schon lange begleitet, allerdings habe ich sie nicht von Anfang an beim Namen genannt. Natürlich hat mich mein Sozialdienst in Chile geprägt, als ich hautnah erfahren konnte, was Kinderarmut bedeutet. In Deutschland bei SOS-Kinderdorf, kam ich dann gleich mit dem Thema „Kinderrechte ins Grundgesetz” in Berührung. Das war sozusagen die Initialzündung für meine Begeisterung für das Thema Kinderrechte.

Wirklich Feuer gefangen habe ich dann, als ich in der Zusammenarbeit mit Kollegen und und Kolleginnen aus der pädagogischen Fachabteilung, bei zahlreichen Besuchen in SOS-Einrichtungen und bei Veranstaltungen wie den SOS- Kinder- und Jugendkonferenzen erfahren konnte, wie Kinderrechte in der Praxis umgesetzt werden und welche stärkende Wirkung Beteiligung auf Kinder und Jugendliche hat.

Rückblickend hat es mich doch gewundert, dass Kinderrechte in den Völkerrechtsseminaren und -vorlesungen, die ich als Politikwissenschaftsstudentin belegt habe, gar nicht vorgekommen sind. Auch in der Schule ist mir das Thema Kinderrechte leider nicht begegnet. Dabei müssten Kinderrechte eigentlich schon in der Kita Thema sein.


Kirsten Schweder:
Heute setzten Sie sich quasi hauptamtlich für die Rechte von Kindern ein. Was genau ist Ihre Tätigkeit bei SOS-Kinderdorf, wie sehen typische Arbeitstage aus?

Luise Pfütze:

Als Referentin für Advocacy bin ich für die politische Interessenvertretung von SOS-Kinderdorf bzw. unserer Zielgruppe – nämlich Kinder, Jugendliche und Familien – auf Bundesebene zuständig. Dafür beobachte ich politische Entwicklungen – z.B. Gesetzgebungsverfahren – die unsere Zielgruppe betreffen, um zu schauen, wo wir uns anwaltschaftlich engagieren können. Ich führe Gespräche mit Abgeordneten um auf Handlungsbedarf oder Probleme hinzuweisen und die Expertise aus der Praxis der SOS-Einrichtungen einzubringen.

Außerdem gehört die Netzwerkarbeit zu meinen Aufgaben, wie zum Beispiel im Themennetzwerk Flüchtlingskinder der National Coalition, in dem ich SOS-Kinderdorf vertrete. Mein Büro ist in einer unserer Berliner Einrichtungen, dem SOS-Kinderdorf Berlin. Dadurch habe ich einen „kurzen Draht“ zur Praxis, was ich als sehr gewinnbringend für meine Arbeit empfinde.


Kirsten Schweder:
Welche Kinderrechte liegen Ihnen im Rahmen Ihrer Arbeit, oder auch privat besonders am Herzen? Das Statement zumJahrestag lässt vermuten, dass Ihnen die Rechte von Flüchtlingskindern ein besonderes Anliegen sind?

Luise Pfütze:

Ja, die Rechte von geflüchteten Kindern liegen mir tatsächlich besonders am Herzen, auch persönlich. Während meiner Zeit in München habe ich ehrenamtlich als Mentorin eine junge Somalierin betreut, die 2009 als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen ist. Sie hatte das Glück in München in einer guten Jugendhilfeeinrichtung unterzukommen, die SchlaU-Schule besuchen und eine Kunsttherapie machen zu können. Dieses Glück haben bei weitem nicht alle geflüchteten Kinder und Jugendliche, obwohl seit Rücknahme der deutschen Vorbehaltserklärung zur UN-Kinderrechtskonvention eigentlich gilt, dass geflüchtete Kinder die gleichen Rechte haben wie alle anderen Kinder in Deutschland auch.

Hier gibt es noch viel zu tun zum Beispiel bei der Unterbringung von begleiteten Flüchtlingskindern, bei der gesundheitlichen Versorgung, aber auch beim Zugang zu Bildung und Ausbildung. Und die von der Bundesregierung angedachte Einschränkung des Familiennachzugs im Rahmen des Asylpakets II ist mit dem Prinzip des Kindeswohlvorrangs nicht zu vereinbaren.


Kirsten Schweder:
Im Mai diesen Jahres hat die National Coalition im Rahmen ihres Fachtags „Ombudschaften für Kinder“ ihren 20. Geburtstag gefeiert. Wo sehen Sie Handlungsschwerpunkte und besondere Herausforderungen in den kommenden 10 Jahren? Was ist Ihnen als Sprecherin der National Coalition besonders wichtig?

Luise Pfütze:

Die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz ist ein längst überfälliger Schritt zur Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland. Ich hoffe allerdings sehr, dass wir dafür nicht noch 10 Jahre brauchen!

Das Thema Ombudschaften im Sinne von unabhängigen Beschwerdestellen wird uns natürlich auch in Zukunft weiter beschäftigen, da wir in Deutschland noch weit davon entfernt sind auf kommunaler- und Landesebene flächendeckend unabhängige Beschwerdestellen für Kinder und Jugendliche installiert zu haben. Darin besteht sicherlich eine langfristige Herausforderung.

Eine weitere Herausforderung wird sein, das Thema Kinderrechte in der allgemeinen Bevölkerung noch viel bekannter zu machen, sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. Denn nur wenn Kinder und Jugendliche ihre Rechte kennen, können sie sie wahrnehmen und ebenso müssen Erwachsene über Kinderrechte informiert sein, um Kinder darin zu unterstützen.

Was das Monitoring der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland betrifft, wurde mit der kürzlich offiziell eröffneten Monitoringstelle zur UN-Kinderrechtskonvention am Deutschen Institut für Menschenrechte ein sehr wichtiger Schritt getan.